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Wir brauchen mehr Engagement
von Lothar Späth

Das Konzept der Hauptschule ist reformbedürftig - Der Schulabschluss muss inhaltlich mehr Gewicht erhalten. Denn trotz der guten Konjunktur der letzten Jahre gibt es nach wie vor ein strukturelles Problem bei der Lehrstellenvermittlung.

Von Wirtschaftsverbänden, Unternehmern und Freiberuflern ist seit langem zu hören, dass viele der Bewerber nicht mehr die nötigen Voraussetzungen mitbrächten. Vor diesem Hintergrund verabschiedete der Deutsche Bundestag mit den Stimmen der Großen Koalition jetzt ein Gesetz, auf dessen Grundlage die Bundesagentur für Arbeit Unternehmen einen sogenannten "Ausbildungsbonus" zwischen 4 000 und 6 000 Euro pro Lehrstelle für benachteiligte Jugendliche zahlt, um die Altbewerber, deren Zahl mittlerweile auf 380 000 gestiegen ist, doch noch vermitteln zu können.

Doch die Maßnahme mag bestenfalls in Einzelfällen helfen. Sie wird hohe Mitnahmeeffekte haben und setzt nicht an der Ursache des Problems an.

Am schwersten sind Jugendliche zu vermitteln, die keinen Schulabschluss haben. Das sind nicht gerade wenige. Dem soeben erschienenen zweiten Bundesbildungsbericht zufolge verließen 2006 rund 76 000 Jugendliche die Schule, ohne wenigstens einen Hauptschulabschluss in der Tasche zu haben. Zwar holten viele den Abschluss später nach, doch bei 2,4 Prozent der Jugendlichen im Alter von 18 bis 24 Jahren blieb es dabei. Jetzt fordert Bundesarbeitsminister Olaf Scholz, die Bundesagentur für Arbeit solle jedem Arbeitslosen die Möglichkeit geben, den Hauptschulabschluss nachzuholen.

Scholz verlangt sogar einen Rechtsanspruch darauf. Nun wäre gewiss nichts gegen einen solchen Rechtsanspruch einzuwenden, wenn er geeignet wäre, die Bildungsschwächsten wieder ins Boot zu holen. Doch selbst mit Hauptschulabschluss sind die Chancen auf einen Job allgemein verheerend. 50 Prozent haben dem Bildungsbericht zufolge auch 13 Monate nach Beendigung der Schule immer noch keine Lehrstelle gefunden, und selbst nach 30 Monaten waren es noch 40 Prozent.

Kann vor dem Hintergrund einer solchen Bilanz der nachträgliche Erwerb des Hauptschulabschlusses als Schlüssel zur Lösung des Vermittlungsproblems gesehen werden? Wohl kaum.

Das Konzept der Hauptschule ist offensichtlich reformbedürftig. Daher wird auch der überwiegende Anteil der Hauptschüler - gleichgültig ob mit oder ohne Abschluss - nach der Pflichtschulzeit in verschiedene Nachqualifizierungs- und Überbrückungsmaßnahmen geschickt. Bevor also gescheiterten Schülern die Hintertür in eine Institution geöffnet wird, die sie im Allgemeinen nicht ausreichend für den Lehrstellenmarkt qualifiziert, müsste erst einmal alles darangesetzt werden, den Hauptschulabschluss wieder inhaltlich aufzuwerten. Andernfalls ist die nächste Frustration für den Nachholer vorprogrammiert und das Fördergeld geradezu verschenkt.

Gelänge es hingegen, durch bessere Konzepte die Erfolgsquote beim ersten Abschlussversuch deutlich zu erhöhen, ließen sich unter anderem solche und andere Folgekosten vermeiden.

Bei der Frage, wo man da ansetzen kann, sollten insbesondere diejenigen mit einbezogen werden, denen die Probleme und Notwendigkeiten tagtäglich vor Augen geführt werden. Und weil hinter den statistischen Durchschnittszahlen sich wie immer eine große Vielfalt verbirgt, ist man auch hier gut beraten, sich anzuschauen, wie es bei Hauptschulen läuft, deren Erfolgsquoten positiv herausragen. Aus Neugier habe ich selbst in den letzten Monaten ein "Praktikum" an einer kleinen Hauptschule in Baden-Württemberg gemacht. Hier konnte ich durch persönliche Gespräche mit überraschend selbstbewussten Schülern und einem überaus engagierten Schulleiter sehr aufschlussreiche Einblicke gewinnen.

Jene Hauptschule hat dieses Jahr eine 100-prozentige Abschlussquote. Doch damit nicht genug. 40 Prozent dieser Schüler nehmen mit einem entsprechend guten Zeugnis die Option wahr, weiter auf die Realschule zu gehen. Die übrigen 60 Prozent steigen komplett in die duale Ausbildung ein, machen Lehren zum KFZ-Mechaniker, Stuckateur, Mechatroniker, Gärtner oder Industriemechaniker.

Für die Hälfte der Schüler waren die Erfahrungen bei den drei obligatorischen Schulpraktika entscheidend für die Berufswahl. Viele der Schüler, die in typischen Schulfächern, die sich ja sehr stark auf abrufbares Wissen konzentrieren, schwach sind, entdecken vor allem beim Praktikum wertvolle persönliche Qualitäten. Das gibt ihnen Selbstbewusstsein und ein greifbares Ziel. Genau diese Chance brauchen Jugendliche. Und damit seine Schüler diese Chance bekommen, wirbt der Schulleiter persönlich bei den Unternehmen für seine Schüler.

Hauptschulschüler sind nach heutigem Maßstab Kinder mit Lerndefiziten. Und die brauchen - nach Einschätzung des Schulleiters - eine andere Betreuung, basierend auf einer individuellen Förderung in kleinen Gruppen. Außerdem brauchen sie engagierte Lehrer, Eltern und Bürger, die ihnen den Zugang in die Arbeitswelt ermöglichen. Wenn die Gesellschaft den Jugendlichen stattdessen schon zu Schulzeiten mit Desinteresse begegnet und ihnen keine Hoffnungen macht, muss man sich nicht wundern, wenn Schüler bereits mit 14 Jahren innerlich aus dem System aussteigen und oftmals jeglichen Anpassungswillen und beruflichen Ehrgeiz verlieren.

Wir können und müssen alle mit mehr bürgerschaftlichem Engagement einen Beitrag leisten, um die Schwächen des Systems auszubügeln. Die Politik sollte dafür sorgen, dass der soziale Zusammenhalt, den die betreffenden Jugendlichen benötigen, durch kleine Schulen mit einer hohen Betreuungsquote gewährleistet wird. Dann könnte das hier beschriebene Beispiel vielleicht sogar gute Schule machen. Und dann wäre der zweite Versuch auch eine echte Chance.

Handelsblatt.com, 25.06.2008

Geschrieben am 15.08.2008 um 10:56 Uhr.

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